Das Akademienvorhaben „Anpassungsstrategien der späten mitteleuropäischen Monarchie am preußischen Beispiel (1786–1918)"

Die Monarchie war die vorherrschende Verfassungsform im Europa des 19. Jahrhunderts und lebt heute vornehmlich als parlamentarische Monarchie in einem halben Dutzend europäischer Staaten fort. Angesichts zunehmender Säkularisierung, Verbürgerlichung, Bürokratisierung und Nationalisierung während des langen 19. Jahrhunderts sprachen Historiker lange Zeit von dem stetigen Niedergang der Monarchie. Diese Sichtweise wird seit Ende der 1980er Jahre in Frage gestellt und vielmehr betont, dass das Schwinden der politischen Souveränität sowie der dynastischen und traditionellen Legitimität der europäischen Monarchen nicht automatisch zum Untergang der Monarchie führte. Im Gegenteil, in jüngster Vergangenheit argumentiert die Forschung, dass sich Europas Könige im 19. Jahrhundert neuer Legitimationsstrategien bedienten. Dadurch sicherten sich die europäischen Monarchien ihr Bestehen bis zum epochalen Einschnitt der Weltkriege und einige auch darüber hinaus.

Mit dieser Neubewertung erlebte die Erforschung europäischer Monarchien eine Renaissance innerhalb der Geschichtswissenschaft, wobei die Untersuchung höfischen Zeremoniells und monarchischer Repräsentation besondere Aufmerksamkeit erfuhr. Das Akademienvorhaben leistet einen Beitrag zu dieser modernen Monarchieforschung des 19. Jahrhunderts. Es bündelt die bisherigen Impulse und stellt eine grundlegende quellenbasierte Erschließung des Forschungsfeldes anhand des preußischen Beispiels bereit. Dabei orientiert sich das Projekt an der zentralen Frage, auf welche Weise sich die Monarchie z. B. an eine sich wandelnde Gesellschaft anpasste und im Zuge dessen neu „erfand“ und welche Grenzen dieser Anpassungsleistung gesetzt waren. Unter dem metaphorischen Konzept der „Sprache der Monarchie“ entschlüsselt das Projekt die Symbolik der Monarchie in ihrem späten Stadium und dokumentiert ebenso die Mitsprache des Monarchen im Kontext höfischer und politischer Strukturen. Im Fortgang der Arbeiten finden andere Aspekte wie die Wahrnehmung der Monarchie, d. h. das Sprechen über monarchische Praxis, Beachtung.

Die Besonderheit dieses Akademienvorhabens ist, dass es Verfassungsgeschichte und Kulturgeschichte des Politischen verknüpft und der Forschung bislang ungedruckte Dokumente bereitstellt, um die These von der Anpassung der Monarchie an den gesellschaftlichen und politischen Wandel des 19. Jahrhunderts auf vielen verschiedenen, miteinander verbundenen Ebenen überprüfen zu können. So werden Quellen ediert, die beispielsweise Fragen der Herrschaftslegitimation und des Verhältnisses von monarchischer Autokratie zu Ständen und Parlamenten im Zusammenhang mit monarchischer Repräsentation und geschlechterspezifischen Elementen der monarchischen Sphäre beleuchten. Ausgangsüberlegung des Vorhabens dabei ist, die repräsentativ-symbolische Sphäre der Monarchie nicht als Gegenwelt der Politik, sondern als ihr innewohnend zu verstehen.

Das Vorhaben behandelt das Beispiel der preußischen Monarchie nach dem Tod Friedrichs II. im August 1786 bis zur Abdankung Kaiser Wilhelms II. im November 1918. Bislang gilt die Geschichte der Hohenzollernmonarchie nach 1786 als quellenmäßig nur punktuell erschlossen und als empirisch unzureichend erforscht. Das preußische Beispiel eignet sich indes zur Beantwortung der zentralen Fragestellung des Projekts, bildet es doch einerseits die Entwicklungen im monarchischen Europa des 19. Jahrhunderts exemplarisch ab und weist es andererseits auch einige Besonderheiten auf, die es für komparatistische Untersuchungen fruchtbar machen. So waren im friderizianischen aufgeklärten Absolutismus bereits die konzeptuelle Trennung von Staat und Monarch angelegt und der Gedanke des Gottesgnadentums ausgehöhlt; Friedrichs Nachfolger befanden sich in einem dauerhaften Spannungsverhältnis mit dem Konstitutionalismus, wobei sie sich mit der oktroyierten Verfassung von 1848/50 eine vergleichsweise starke politische Rolle innerhalb der konstitutionellen Monarchie sicherten. Ebenfalls typisch für Preußen ist die spätere potenzielle Dichotomie zwischen einem nicht nationalen preußischen Staat und den Funktionen eines zunehmend nationalen Hofes.

Das Vorhaben gliedert sich in drei Module. Das erste Modul thematisiert die höfischen Strukturen und monarchische Herrschaftspraxis in Preußen. Es werden die Amtsorganisation und Finanzierung des Hofes herausgearbeitet sowie die königlichen Kabinette, die persönlichen Arbeitsstäbe des Monarchen, genauer beleuchtet. Zwei darauffolgende Module werden sich den repräsentativen und politischen Dimensionen monarchischer Herrschaft sowie den Strategien und Reaktionen der preußischen Monarchie gegenüber dem gesellschaftlichen Wandel zuwenden.

Die Forschungsergebnisse des Akademienvorhabens fließen in zwei eigenständige, stark miteinander verwobene Publikationen: eine mehrbändige gedruckte Edition archivischen Quellenmaterials sowie eine digitale, teilweise interaktive Präsentation von eigens aus den Quellen erhobenen Forschungsdaten.