
Preußen erlebte im 19. Jahrhundert eine regelrechte Ordensflut. Die preußischen Könige stifteten neue Orden und Auszeichnungen (darunter das Eiserne Kreuz, den Kronenorden, den Luisenorden oder das Verdienstkreuz für Frauen und Jungfrauen) und öffneten damit das Ordenswesen für breitere Bevölkerungsschichten. Zudem reformierten sie die bestehenden Orden durch eine stärkere Ausdifferenzierung, so verfügte beispielsweise der Rote Adlerorden über 38 Abstufungen. Der Hochadel erhielt zwar weiterhin seine Orden qua Geburt; Leistung und Verdienst entwickelten sich jedoch zunehmend zur Prämisse bei der Ordensvergabe.
Die einzelnen Orden und Auszeichnungen sind bereits Gegenstand zahlreicher Publikationen, in denen jedoch vor allem deren Geschichte, Statuten und Verleihungen sowie der Orden als materielles Objekt im Fokus stehen. Die Forschung hat sich bisher weitaus weniger mit den monarchischen Strategien des Ordenswesens beschäftigt, mit der Organisation, den Zielgruppen, den Verleihungskriterien und -anlässen, sprich mit der Ordenspolitik. Der Editionsband wird hier Abhilfe schaffen und die preußische Ordenskultur von 1810 bis 1918 anhand unveröffentlichter Quellen erschließen.
Orden und Auszeichnungen sind Elemente symbolischer Kommunikation und ermöglichen Einblicke in die integrations- und emotionsgeschichtlichen Wirkungen der Monarchie. Sie bildeten ein Zeichensystem, das nonverbal detaillierte Auskünfte über den jeweiligen Träger gab, etwa Rang, Dienstalter, Kriegsteilnahmen oder Verdienste. Damit entfernten sie sich von den exklusiven, dem Adel vorbehaltenen Hoforden früherer Jahrhunderte zu geburtsunabhängigen Verdienstorden, die als Instrument meritokratischer Integration in die Monarchie massenhaft eingesetzt wurden. Dies wirft die Frage auf, welche sozialen, politischen und konfessionellen Schichten durch diese neue Ordenspolitik angesprochen werden sollten und welche Bevölkerungsgruppen außen vor blieben. Denn Ordensverleihungen entsprachen immer auch einem staatlichen Belohnungsprinzip, indem bestimmte Lebensentwürfe und Verhaltensweisen gezielt honoriert und öffentlich gefördert wurden, unerwünschtes Verhalten hingegen durch die Aberkennung von Orden Verurteilung erfuhr. Bei allen Öffnungen und Reformen richtete sich das Ordenswesen jedoch weiterhin nahezu ausschließlich an Männer, da selbst die wenigen frauenspezifischen Orden und Auszeichnungen nur einer sehr schmalen Schicht hochadliger oder karitativ engagierter Frauen vorbehalten blieb.
Orden waren öffentlichkeitswirksam: Verleihungen wurden durch Publikationsorgane verkündet. Schlug man die Vossische Zeitung auf, galt die erste Meldung auf der Titelseite den neuen Ordensverleihungen. Neben den Ordenslisten ließen sich die Inhaber auch in den Rang- und Quartierlisten der Armee und den Staatshandbüchern nachschlagen. Seit 1810 wurden die Ordensverleihungen zudem auf dem Ordensfest gemeinsam zelebriert. Die monarchische Dekoration, die bei Anlässen stolz zur Schau gestellt wurde, gehörte ebenso wie die Verleihung von Titeln zur Signalsprache eines bürgerlichen Aufstiegwillens. Dies zeigt sich nicht nur in der großen Nachfrage nach Orden, sondern ebenso in Fällen missbräuchlichen Ankaufs und Tragens, gegen die der Staat vorging. Orden wurden aber durchaus auch abgelehnt. Die Betrachtung von Fällen, in denen eine Dekoration vom Empfänger abgeschlagen wurde, soll Hinweise auf die Grenzen dieses monarchischen Integrationsinstruments liefern.
Mit der breitflächigen Verleihung von Orden gingen auch stets Bemühungen einher, die Ordensflut einzudämmen. Quoten und strengere Kriterien sollten die Verleihungszahlen reduzieren und damit den Wert von Orden erhalten bzw. erhöhen. Dies wirft die Frage auf, ob Orden wirksame Instrumente monarchischer Politik waren oder sich mit der Zeit selbstreferentiell vernutzten und inflationär entwerteten.