
Euere Majestät, Allergnädigster Kaiser, König und Herr
In der Freude meines Herzens wage ich es Euerer Majestät zu nahen und meinen innigsten und ehrfurchtsvollsten Dank Euerer Majestät zu Füssen zu legen: für den erneuten grossen Huldbeweis, mit dem Euere Majestät mich und meinen Sohn zu beglücken geruht haben. Die seltene Gnade, dass mein Ältester, ohne die Fähnrichsprüfung abzulegen, Mitte März in Euerer Majestät herrliches Regiment der Gardes du Corps eingestellt wird, empfinden wir dankeserfüllt als besondere grosse Auszeichnung. Dieser wahrhaft väterlichen Fürsorge sich stets würdig zu erweisen, wird meines Sohnes heiliger Lebenszweck sein. Er wird, das weiss ich, sein Bestes einsetzen und Euerer Majestät als treuer Unterthan und braver Soldat dienen! Uns, seinen Eltern, bleibt diese huldreiche Erfüllung unseres innigsten Wunsches tief in unseren dankschuldigen Herzen eingegraben! Der liebe Gott segne Euere Majestät für die vielen mir und den Meinen erwiesenen liebreichsten Gnadenbeweise!
Ich komme eben aus Wien, und darf Euerer Majestät vielleicht allerunterthänigst berichten, dass das Befinden Seiner Majestät des Kaisers Franz Joseph nicht besonders befriedigend ist. Der Katarrh will nicht weichen, und seit zwei Tagen ist eine recht starke Heiserkeit hinzugetreten. Alle Vorträge und Empfänge wurden abgesagt. Die Ärzte versichern nach wie vor, dass kein ernsteres Leiden besteht. Gott gebe es!
Ich hatte Gelegenheit einen eigenhändigen Brief des Generals von Hötzendorf zu lesen, worin er in seiner bitteren Weise schreibt: „ich habe nicht meine Demission gegeben, sondern ich wurde plötzlich entlassen, als Opfer Aehrenthals“ – Wie ich bestimmt erfuhr, ist Erzherzog Franz auch durch Konrads Entlassung überrascht worden. Der hohe Herr soll darüber außerordentlich ungehalten und empört sein und alle Schuld dem Minister Aehrenthal zuschieben. Es herrschten in Folge all’ dieser Vorgänge in Wien sehr unerquickliche Zustände, denn ich darf dies wol vertraulich bemerken: es bestehen eigentlich zwei Regierungen, die mit einander Krieg „aufs Messer“ führen! Sowol für den Minister des Äusseren wie für die beiden Ministerpraesidenten in Österreich und Ungarn, entstehen dadurch Zustände, welche eine einheitliche Arbeit einfach unmöglich machen. All’ diese Leute sind wahrhaft zu bedauern, da sie nicht mehr wissen, wem sie gehorchen sollen. Mir bangt wirklich vor der nächsten Zukunft, denn so kann es lange nicht fortgehen, ohne grossen Schaden im Innern und Verwirrung ausserhalb der Grenzen der Monarchie, anzurichten. Vorderhand scheint Graf Aehrenthal noch das volle Vertrauen Seiner Majestät zu besitzen; wie lange er sich aber dieser Gnade erfreuen wird, ist zum Mindesten ungewiss, denn die andere Seite legt überall Minen und arbeitet an seinem Sturze. Wer der Nachfolger sein soll, ist sehr fraglich, in erster Linie wird Graf Berchtold genannt. – Wollen Euere Majestät es mir nicht verübeln, dass ich es wagte diesen unbefugten Bericht zu schreiben; mein Herz ist aber so voll von all’ diesen traurigen Eindrücken, dass ich es nicht unterlassen konnte!