III/295. Schreiben des Chefs des Zivilkabinetts Rudolf von Valentini an Theodor Schiemann

RegestAuf entsprechende Anfrage Mitteilung der Frequenz der wöchentlichen Vorträge von Kabinettschefs, Kanzler, Militärs und Ministern sowie des Ablaufs des Arbeitstages und der Gründe für Reisen Wilhelms II. Dieser leistet jährlich über 20.000 Unterschriften.

Ew. Hochwohlgeboren

teile ich in Erwiderung des gef. Schreibens vom 24. d. Mts. und Beantwortung der gestellten Fragen Folgendes ergebenst mit:

  • 1.
    S. M. der Kaiser u. König empfängt regelmäßig zum Vortrag
    • die Chefs des Zivil- u. Militärkabinetts 2 Mal wöchentlich
    • den Chef des Marine Kabinetts 1 Mal wöchentlich
    • den Kriegs-Minister, den Chef des Generalstabs der Armee, den Staatssekretär des Reichs-Marineamts, den Chef des Admiralstabes der Marine 1–2 Mal wöchentlich
    • den Ober Hof und HausMarschall täglich.
    • Die übrigen Minister und Ressortchefs haben nur auf besonderen Allerhöchsten Befehl oder nach Meldung Ihrerseits in wichtigeren Angelegenheiten Immediatvortrag.
    • Den Vortrag des Reichskanzlers nimmt der Kaiser bei Anwesenheit in Berlin fast täglich im Reichskanzler Palais entgegen; sonst nach Bedarf von Fall zu Fall auf Allerhöchsten Befehl oder Meldung des Kanzlers.
    • Der Kaiser versammelt die kommandierenden Generäle zu Neujahr um sich und sieht auch die Oberpräsidenten zu Anfang des Jahres bei ihrer Versammlung im Ministerium des Innern.
  • 2.
    Der Kaiser besucht die einzelnen Provinzen der Monarchie und die deutschen Bundesstaaten gelegentlich der in einem bestimmten Turnus jährlich stattfindenden „Kaisermanöver“. Die sonstigen Reisen im Deutschen Reich erfolgen zum Zweck der Allerhöchsten Teilnahme an Einweihungen größerer Baudenkmäler, Kirchen etc. und an sonstigen Festlichkeiten wie Jubiläen von Instituten und Anstalten soweit sie nicht durch den Aufenthalt in den Kgl. Schlössern und Besitzungen wie Wiesbaden, Wilhelmshöhe, Homburg v. d. Höhe, Urville, Cadinen und Korfu Achilleion oder durch Jagdaufenthalt in Rominten, Hubertusstock und Schlesien bedingt werden.
  • 3.
    Der Arbeitstag des Kaisers verläuft in der Weise, daß in den Morgenstunden die schriftlichen Berichte und Meldungen aus den verschiedenen Ressorts, besonders diejenigen des Auswärtigen Amts erledigt und Zeitungsauschnitte durchgesehen und mit Marginalbefehlen versehen werden, von 11 Uhr bis 1 Uhr Vorträge und Meldungen entgegengenommen werden; in den Spätnachmittagsstunden arbeitet der Kaiser wieder allein an den schriftlichen Eingängen. Die eingehenden Telegramme werden dem Kaiser zu jeder Tageszeit vorgelegt und mit Allerhöchsten Weisungen den Kabinetten und Ressorts zugestellt.
  • 4.
    Im Laufe des Jahres werden vom Kaiser an Unterschriften unter Bestallungen, Patenten und Ordres mehr als 20.000 geleistet, von denen etwa 10.000 auf das Zivilressort, etwa 8.000 auf das Militärressort und etwa 2.000 auf das Marineressort entfallen.
Genehmigtes Konzept
GStA PK, I. HA Rep. 89, Nr. 3086, Bl. 242–243
28.06.1912Potsdam